Im Labyrinth des Lebens

Eine Dozentin wurde von einem plötzlichen unvorhersehbaren Ereignis (Schlaganfall) aus ihrer Lebens-Bahn geworfen. Sie schilderte es als ein Beben, durch das alles aus der Fassung geriet. Sie verlor plötzlich die Kontrolle: Worte kamen nicht mehr wie sonst obwohl das Spiel mit Worten immer Bestandteil ihres Alltags gewesen war. 

Auch auf der körperlichen Ebene wusste sie, was sie tun wollte und war doch unfähig, es zu auszuführen. Irgendetwas blockierte seit dem Ereignis in ihren  Gedanken und Bewegungen. Sie fühlte sich nicht mehr aus einem Guss gemacht sondern voller Sprünge und  dachte oft zurück, an die Zeit, in der sie noch alles konnte: telefonieren und gleichzeitig schreiben, Referate halten und fünf Sachen gleichzeitig erledigen. 

Es schien ihr, als ob all das, was sie einmal  konnte, nie da gewesen war. Sie begann, an ihrem Gedächtnis, an ihrem Verstand, an ihrem Körper und an sich selbst zu zweifeln. Sie verlor das Selbstvertrauen. Sie hatte das Gefühl , als ob ihre ganze Person zerfallen oder sich verlieren würde. Sie konnte ihren Beruf nicht mehr im gewohnten Maß ausüben und plötzlich war das Leben nicht mehr klar und übersichtlich wie einst sondern sehr verworren. Es ähnelte einem unübersichtlichen Labyrinth. Die Unsicherheit der Frau wurde immer größer. Zeit und Leistungen, die gemessen werden, waren nicht greifbar für sie.

Sie konnte dem Tempo des Alltags nicht mehr folgen und suchte nach einem Aus-Weg. Erst viele Monate später stellte sich durch einen Zufallsbefund heraus, dass sie einen stummen Schlaganfall gehabt hatte. Ich hörte ihr zu während sie mir all das erzählte und sah das Bild eines Labyrinths, in dem ein Mensch herum irrt ohne das Ziel zu erreichen und darüber allmählich verzweifelt.
Ich begann, den Mythos von Ariadne zu erzählen. Ariadne ist eine Frauengestalt in der Antike, die uns zeigt, sich immer im Labyrinth des Lebens zurecht zu finden.

Ihrem Geliebten half sie in einer schwierigen Situation mit einem klugen Rat, bei dem sie ihm ein Faden gab, der ihm den Weg durch ein unübersichtliches Labyrinth wies. Die ausführliche Geschichte ist am Ende dieses Beitrags nachzulesen.

Warum habe ich diesen Mythos ausgewählt um ihn dieser Frau zu erzählen ? 

Er ist ein schönes Beispiel um die Einsatzmöglichkeiten bezüglich der Heilkraft von Geschichten aufzuzeigen. Dabei wird eine Märchenmatrix, also der logische Kontext eines Märchens, angewandt und nachfolgend zum besseren Verständnis verdeutlicht und erklärt. Ariadnes Faden ist unter dem Aspekt der Matrix ein Mythos mit der thematischen Zuordnung „Lebenskrise“.

Ausgangslage

Eine Frau mittleren Alters wurde durch ein unvorhergesehenes Ereignis aus dem inneren und äußeren Gleichgewicht gebracht. Die Selbstzweifel stiegen während das Selbstbewusstsein sank. 

Ansatz

  • Die Beeinträchtigung des inneren Gleichgewichts wiederherstellen
  • Heilprozesse anregen : Heilung ist auch ein innerer Vorgang. Unter Heilung kann man eine innere Sicherheit und Ausgeglichenheit verstehen und dies als Glück bezeichnen.
  • Anleitung, die objektive Geschichte Ariadnes in eine subjektive Geschichte umzuwandeln (von der äußeren Welt in die innere Welt)

Ziel :

  • Strategien zur Bewältigung der eigenen Krisensituation heraus zu finden 
  • durch Achtsamkeit das eigene innere Kraftzentrum spüren und nutzen
  • Aktivierung der Selbstheilungskräfte

Vielleicht zum besseren Verständnis eine kurze Erläuterung  betreffend der Selbstheilungskräfte: Jeder Ort und jede Situation kann verlassen oder verändert werden. Können wir uns das nicht vorstellen, tut es das Märchen/ eine Geschichte für uns. Es zeigt eine andere Perspektive und eröffnet neue Welt. In Geschichten müssen an jedem Ort andere Aufgaben bewältigt werden. Es findet eine Konfrontation mit feindseligen Kräften statt. Genau das erfahren wir ebenfalls im Lauf eines Selbstheilungsprozesses.

Ziel ist es dabei nicht: unangenehme Schauplätze so schnell wie möglich zu verlassen, sondern die Irrwege, Fallen und Möglichkeiten, die darin verborgen sind, kennen zu lernen. Das lässt uns neue Lebenswege finden und neue Dinge erkennen, die neu das erleben verändern wie das Beispiel eines Labyrinths symbolisch sehr schön zeigt.

Bei Ariadne war es zunächst der eigene Entschluss, mit dem Geliebten in eine unbekannte Umgebung aufzubrechen. Wenig später musste sie sich einen anderen Weg suchen voller Trauer über den vermeintlichen Verrat ihres Geliebten und dessen Verlust. Hier wirkte auch das Schicksal oder der Zufall mit durch den Willen der Götter. Dies weist eine Parallele zu der Situation der Dozentin auf, in der eine gewisse Ohnmacht gegenüber den äußeren Umständen auftritt. 

Doch trotz all der verwirrenden Umstände suchte Ariadne immer nach einer Möglichkeit, um glücklich zu leben und ihren Weg zu finden. Sie suchte ihr Glück im Sinne von Harmonie und nutzte dazu die Möglichkeiten, die das Leben ihr bot. 

Ariadne hatte außerdem den Mut, sich dem Minotaurus zu stellen. Der Minotaurus ist die Personifikation aller Sorgen und Ängste, die uns im Leben plagen können. Er kann im Labyrinth des Lebens hinter jeder Ecke lauern. Es hilft nichts, vor ihm davon zu laufen –  ihm entkommt man nicht. Dahin wo die Angst ist, führt der Weg. 

Und eben dies ist der Grund, warum ich diese Geschichte auswählte.
Ariadnes Weg voller Kummer und Enttäuschung lies sie einen neuen Blick auf die Welt und auf ihr Leben bekommen, weil sie sich ihrer Angst stellte und ihre Schwierigkeiten hinter sich lies. Sie fand einen Weg aus ihrem Lebenslabyrinth in das Glück und damit wird sie zum eigentlichen Helden in diesem Mythos: sie meisterte eine schwierige Lebenssituation, entwickelte sich dabei weiter und fand ihr Glück, in dem sie das Leben so annahm, wie es sich ihr zeigte.

Das gemeinsame Reflektieren über eine Geschichte heißt auch, im Gespräch herauszufinden:

Was bedeutet diese Geschichte für meinen Gesprächspartner und sieht er /sie diese Geschichte?

Im nachfolgenden Gespräch ging ich vorallem auf die Symbolik eines Labyrinths ein und auf dessen mögliche Interpretation im Zusammenhang mit der momentanen Situation meiner Gesprächspartnerin.

Es ist nötig sich, so wie Ariadne, einer Krise zu stellen, sie anzunehmen und sich dabei selbst zu betrachten und neu kennenzulernen. Eben dies geschieht im Labyrinth des Lebens.

Ein Labyrinth ist kein Irrgarten und oft werden die beiden miteinander verwechselt.

Der Irrgarten hat viele Sackgassen, das Labyrinth hat jedoch nur einen einzigen Weg und verläuft nicht gradlinig: es hat Wendungen und Kehrtwendungen. Jede Wendung hilft uns, unsere Lebenssituation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und zu erfühlen. 

Oft verlieren wir auf dem langen Weg die Mitte aus den Augen, das eigentliche Ziel ist nicht mehr sichtbar. Und dennoch kommen wir Schritt für Schritt der Mitte näher!

Die Mitte des Labyrinths ist hier symbolisch zu sehen für einen Ort der Selbsterkenntnis.

Die Mitte hat eine starke Kraft. Sie gilt es zu erspüren. Der Rückweg hilft uns dabei, diese Erkenntnisse in unseren Alltag zu tragen und umzusetzen.

Das Labyrinth lehrt uns eine andere Sicht. Ähnelt unser Leben einem Labyrinth,  sollen wir eine andere Sicht kennen lernen. Wir werden durch die Wege und Umwege des eigenen Lebens-Labyrinthes erfahren, was es bedeutet, in der Mitte anzukommen. Das Labyrinth dient als Instrument, sich selber näher zu kommen und mehr über sich zu erfahren. Wenn ich hineingehe, kann ich mir nicht ausweichen. Ich erkenne die Umwege, die Wendungen in meinem Leben: Krankheit, Krisen, Zweifel bekommen einen neuen Sinn. Und trotz aller Umwege komme ich an das Ziel und spüre: Nur ich kann meinen Weg finden und gehen!

Ein Labyrinth konfrontiert uns mit folgenden Fragen :

  • Worin sehe ich das Ziel meines Lebens‘?
  • Ist mein Weg dorthin verlässlich?
  • Wie gehe ich mit der Erfahrung um, an Grenzen zu stoßen?
  • Kann ich in  Rückschritten  notwendige Schritte zum Ziel verstehen?
  • Wo liegt mein Zentrum und mein innerer
    Kraftort?
  • wo befinde ich mich gerade ?
  • Wann bin ich am Ziel angekommen ?

Und hier geht es zum Mythos von Ariadnes Faden