Imbolc – Winterende und Frühlingsbeginn

Das Jahreskreisfest Imbolc ist ein Mondfest und wird am 01. Februar begangen. Als christliches Fest ist hier Maria Lichtmess.  
Imbolc liegt genau zwischen Samhain ( 1. November) und Beltane ( 1. Mai ) und markiert den Beginn des neuen landwirtschaftlichen Jahres. Das Sonnenlicht ist seit der Wintersonnenwende wieder spürbar mehr geworden. Die Wärme des Frühlings lässt aber noch auf sich warten, die Kälte des Winters ist noch lange nicht vorbei. Somit ist es ein Schwellenfest, das den Übergang: Vom Winter zum Frühling, von der schwarzen zur weißen Zeit, von der Dunkelheit ins Licht aufzeigt.

Was mit der Wintersonnenwende tief in der Erde begann, bricht sich nun die Bahn an die Erdoberfläche. Die Körpersäfte der Natur erwachen und auch Fruchtbarkeitsgeister steigen aus der Erde. Erste Blüten die Schneeglöckchen und Krokusse zeigen vorwitzig den Frühling an. Das Licht der Sonne bringt das Eis zum schmelzen. Die Winterzeit ist fast überstanden. Diese Zeit wird genutzt um die Kälte des Winters endgültig ab zu schütteln. Es wurde ein Licht Feuer entzündet und von Haus zu Haus getragen. Man stellte leuchtende Kerzen rund um Haus und Hof. 

Der Baum des Imbolcfestes ist die Birke.  Die Birke galt als Lichtbaum. Ihr weißer Stamm ragt hoch in den Himmel und man sagt, sie ziehe das göttliche Licht durch ihren Stamm direkt hinunter auf die Erde. Sie steht für Neubeginn, für das Leben und das Glück gemeinhin. Ein schöner Brauch ist es, hinauszugehen und die Obstbäume und die darin lebenden Tiere „wachzurütteln“ und die Bienen damit anzulocken. Tiere, die den Winter verschlafen, wachen – je nach Witterung – jetzt auf.

Die Göttin tritt uns im Frühling in ihrer jungfräulichen Gestalt gegenüber. Sie symbolisiert Reinheit und Frische. Im Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ wird dieses Motiv verarbeitet:

Schneeweißchen und Rosenrot – weltberühmt und dennoch unbekannt

Die beiden Mädchen “Schneeweißchen” und “Rosenrot” verkörpern  den Übergang von der weißen (kindlichen ) Jungfrau zur roten ( reifen ) Frau. Die alte Mutter, die dem Bären im Winter Zuflucht gewährt hatte, ist niemand anderes als die alte Erdmutter, die Frau Holle oder auch Frau Percht. In diesem Märchen geht es ursprünglich um die Initiation der jungen Frau.
Auch im Märchen von Schneeweißchen und Rosenrot erwacht ein Bär aus seinem Winterschlaf und repräsentiert die erwachende Natur und ihre Lebenskraft. Unter dem Bärenpelz verborgen leuchtet Gold. In ihm steckt ein junger Prinz – der junge Sonnenkönig, der immer mehr an Kraft gewinnt.
In diesem Märchen wird ebenfalls die dreifache Göttin repräsentiert. Das stille und sanfte Schneeweißchen verkörpert die Frühlingsgöttin (Brigid oder Ostara), genauer genommen den frühen Frühling, wenn die Sonne bereits an Kraft gewinnt, die Erde aber noch gefroren ist.  Diese Zeit verbrachten die meisten Menschen noch zu Hause im Schutz der Behausung. Schneeweißchen sitzt deshalb am liebsten daheim bei der Mutter und kümmert sich um häusliche Verrichtungen und sie ist es auch, die die Tür der Hütte abends fest verschließt. Auch zündet sie im Winter das Feuer an und hängt den goldglänzenden Kessel an den Haken – beides Symbole des Lichts und der Sonne in der kalten und dunklen Jahreszeit/ und zeigt sich damit wieder in ihrem Aspekt der Frühlingsgöttin, die das Licht in die dunkle und kalte Jahreszeit bringt.
Rosenrot ist die rote, temperamentvolle Sommergöttin. Sie springt am liebsten im warmen Sommer auf der Wiese umher, pflückt Blumensträuße und rennt mit Vögeln und Schmetterlingen um die Wette. Sie ist es stets, die die Tür der Hütte aufmacht, so wie im Sommer die Türen der Hütten sicher stets offen gestanden haben und sich das Leben mehr außer- als innerhalb der Behausungen abspielte.

Analog zu den beiden Mädchen wachsen vor dem Haus zwei Rosengewächse, eines mit weißen, das andere mit roten Blüten. Rosengärten galten in vorpatriarchaler Zeit als heilige Orte und Kultstätten. Es wuchsen dort allerdings keine Rosen, wie sie in heutiger Zeit als Liebesgeschenk weit verbreitet sind, denn dies ist eine veredelte Pflanzenform, eine Kulturrose, die erst mit den Römern nach Nordeuropa kam. Gemeint sind vielmehr alle Pflanzen aus der Familie der Rosengewächse wie Hagebutten, Weiß- und Schwarzdorn (Schlehdorn), Erd-, Brom- und Himbeeren sowie sämtliche Obstbäume.

Die Mutter, eine Witwe und darum möglicherweise immer schwarz gekleidet, ist Ausdruck der dunklen Göttin des Winters und Todes. Auch verkörpert die Mutter die Weisheit, denn sie erkennt den Bären als Tier der Göttin und hat keine Angst vor ihm. 

Eine andere Interpretation sieht den dunklen Aspekt in der Bärin, die im Winter Schutz in der Hütte der Mädchen sucht, und mit ihrem dunklen Pelz, den Schneeweißchen und Rosenrot ausklopfen, zusammen die dreifache Göttin in den heiligen Farben weiß-rot-schwarz bildet.

Der Bär bzw. die Bärin ist ein uraltes mythologisches Tier. Wie die frühen Menschen lebten diese in Höhlen, einzeln oder in kleinen Familienverbänden. Aufgerichtet wirken sie zudem sehr menschenähnlich und wie eine Menschenmutter säugt die Bärin ihre Jungtiere im Liegen oder Sitzen.
Laut Kirsten Armbruster ist das Wort ‚Bär‘ auch mit der ‚Ge-bär-mutter‘ verwandt. Schon in der Steinzeit wurden Bären verehrt und als Synonym für Mutter Natur gesehen, da beide sich zur Winterzeit in Höhlen oder unter die Erde zur Ruhe und Ge-bär-en neuen Lebens zurück ziehen. Im Frühling etwa zeitgleich mit dem Lichtmessfest kam der Bär oder die Bärin mit ihren Jungen verjüngt aus der Winterhöhle wieder heraus.

Die Mutter der Mädchen weiß noch um die alte verwandtschaftliche Beziehung zwischen Mensch und Bär, denn sie ermutigt ihre Mädchen, keine Angst vor dem Bären zu haben, als dieser um Einlass bittet. Als Schneeweißchen im Frühling den Bären verabschiedete, blieb dieser an der Tür hängen und Gold blitzte unter seinem schwarzen Pelz hervor. Auch darin wird das göttliche Sonnenwesen des Bären deutlich, der im Frühling mit seinem Erscheinen das langsame Erwachen der Natur und das kommende Licht verkündet, auch wenn dieses noch schwach und nicht mehr als ein kurzes Blinzeln ist.
Als die jungen einmal Mädchen ihren Spaß gar zu arg mit dem Bären treiben, ruft dieser in der Originalfassung der Brüder Grimm: „Schneeweißchen, Rosenroth, schlägst noch dir den Freier todt“.
Freien ist ein altes Wort für Heiraten und steht in enger Verbindung mit der Göttin Freya und ihrem heiligen Tag, dem Freitag. Ein Freier im ursprünglichen Sinne ist demnach einer, der um eine Frau anhält, ihr seine Aufwartung macht. Ob die Frau den Verehrer dann auch erwählt, blieb ihr überlassen, denn in matrilinearen Gesellschaften galt selbstverständlich die freie sexuelle Wahl der Frauen. 

Das Märchen im Kontext der kulturgeschichtlichen Entwicklung

In der Grimmschen Version bleibt komplett offen, warum der Zwerg den Prinzen in einen Bären verwandelt hat. Dies scheint völlig grundlos und aus reiner Boshaftigkeit geschehen zu sein. In einer unbekannten Version des Märchen liegt der Grund jedoch in der Verletzung der Gesetze von Mutter Natur, wonach Leben nicht ohne Not genommen werden darf und das Töten von Muttertieren ein absolutes Tabu darstellt.  Der Königssohn wird aufgrund seines Fehlverhaltens beim Jagen von dem Hüter der Gesetzmäßigkeiten in Form eines Zwerges bestraft. Er muss für ein Jahr als Tier – als ein Bär – leben und in den Dienst der Erdgöttin treten als Buße für sein Fehlverhalten.
In der von den Brüdern Grimm aufgezeichneten Version wurden alle schlechten Eigenschaften auf die Figur des Zwergs übertragen. Dies stellt jedoch eine Verkehrung dar: In matrifokaler Zeit waren es die Zwerge (oder Alben), die zuständig waren für das Hüten der in der Erde liegenden Metalle und Edelsteine. Es war die Gier patriarchaler Kriegerkönige nach Eisen und Gold, mit der die exzessive Ausbeutung der Bodenschätze begann.
Aus dem Eisen wurden auch Waffen gefertigt und mehr und mehr matrifokale Völker mit Gewalt unterworfen. Zwerge waren die Hüter all dieser Schätze und Gier wurde bestraft.
Zwerge und Bär standen in der unbekannten Version des Märchens beide im Bündnis mit der Erdgöttin standen, um das Leben in Gleichgewicht zu halten und vor Gier und Ausplünderung zu schützen. 

Das Motiv der Initation

Schneeweißchen und Rosenrot haben auf ihrem Weg der Initiation drei Prüfungen zu bestehen, wobei jede Prüfung auf einer der drei kosmischen Ebenen Erde, Wasser, Luft stattfindet. Wie im Märchen von Schneewittchen ist ein Zwerg in den Prozess der Initiation involviert. 
Dieser inszeniert jeweils einen Kampf mit den drei Elementarwesen Baum, Fisch und Adler. Da Schneeweißchen und Rosenrot ihm helfen, anstatt sich für die Perlen und Edelsteine zu interessieren, die er mit sich trägt, bestehen sie alle drei Prüfungen. 
Die Prüfungen werden noch dadurch erschwert, dass der Zwerg nicht gerade dankbar für die Rettung ist. Trotz der fehlenden Dankbarkeit und Belohnung helfen Schneeweißchen und Rosenrot dem Zwerg jedoch stets auf Neue und zeigen dadurch ihre voraussetzungslose Achtung vor allem Leben. Die im Originalmärchen enthaltenen wüsten Beschimpfungen des Zwerges gegenüber den Mädchen wie „dumme neugierige Gans“, „Milchgesichter“ oder „unbeholfenes und täppisches Gesindel“  können auf Groll und Wut zurückzuführen sein. Das Abschneiden eines Bartes ist gleichbedeutend mit einem Verlust der Stärke und Zauberkraft. 
Mit Bestehen der Initiation, an deren Ende Schneeweißchen und Rosenrot reichlich vom Zwerg belohnt werden, wird auch der Königssohn aus seinem Dasein als Bär erlöst. 

Veränderung der Märchen im Lauf der Kulturgeschichte

Der Tod des Zwerges als „wohlverdiente Strafe“ und Voraussetzung für die Erlösung, ist die Wiedergabe einer späteren Version zu Zeiten des Patriarchats. Tötungen und grausame Bestrafungen sind Teil einer patriarchaler Moral, die der Ur-Mär in später übergestülpt wurden. 
In der ursprünglichen Version findet der Königssohn Erlösung, da er durch das Jahr als Bär im Wald seine Lektion gelernt hat und nun achtsamer mit allen Lebewesen umgeht. Am Ende finden Schneeweißchen und der Prinz sowie Rosenrot und sein Bruder aus Liebe zueinander, während es in der Grimmschen Version ganz einfach heißt „Schneeweißchen wurde mit ihm, und Rosenroth mit seinem Bruder vermählt“. Auch das unterschiedet sich von der Originalversion. Darin ist die Heirat mit dem Prinzen für Schneeweißchen und Rosenrot keine Heirat ‚nach oben’, denn durch die Schätze, die der Zwerg ihnen für ihre Hilfe und ihr Mitgefühl geschenkt hat, sind beide nun ebenfalls wohlhabend und ebenbürtige Heiratspartnerinnen. Ohnehin aber kommt es in den ursprünglichen matrilinearen Kulturen nicht auf materiellen Reichtum an. Viel wichtiger ist ‚innerer Reichtum‘ in Form von Werten wie Aufrichtigkeit, Großzügigkeit und Achtung der Muttererde und aller ihrer Lebewesen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Dagmar Margotsdotter-Fricke: Die gute Mär. Mutterkunde in Märchen
  • Heide Göttner-Abendroth, Kurt Derungs Mythologische Landschaft Deutschland
  • Kirsten Armbruster : Der Muschelweg – Auf den Spuren von Gott der Mutter. Die Wiederentdeckung der matrifokalen Wurzeln Europas,
  • Wolf-Dieter Storl: Die alte Göttin und ihre Pflanzen. Wie wir durch Märchen zu unserer Urspiritualität finden