Frau Holle – Märchengestalt oder uralte Gottheit ?

Frau Holle – weltberühmt und doch unbekannt

Geschichten, Legenden, Mythen und Märchen überliefern uralte religiöse Vorstellungen und spiegeln den Wandel vorchristlicher Götter im Kontext der jeweiligen Kultur – wenn man die Inhalte der Mythen zu entschlüsseln vermag. Auch unsere Frau Holle hat viele Namen und vielfältige Erscheinungsformen, die sich in tausenden von Jahren wandelten und bis in die heutige Zeit fortleben.
In den Mythen und Märchen spiegelt sich der Glauben an eine große Göttin, die schon seit dem Neolithikum als Quelle des Lebens aber auch als Herrscherin im Reich der Toten verehrt wurde. In fast allen vorchristlichen Kulturen finden sich bei Recherchen ähnliche Motive dieser Muttergottheit wieder . Diese mystische Sagengestalt hat viele Namen je nach Region : Frau Holle ist ihr Name in Hessen, Thüringen  und dem Harz, in Österreich und Norditalien wird sie Frau Percht genannt. Im Norden kennt man sie als Frau Wode und in den slawischen Ländern ist sie die Baba Jaga.

Eine Gottheit mit vielen Namen ?

Frau Holle als Spinnerin ist wohl die bekannteste Erscheinung der alten Sagengestalt. Hier tritt sie als Schicksalsgöttin in Erscheinung, welche die Lebensfäden spinnt und abschneidet. Die Wurzeln dieser Schicksalsgöttinnen reichen zurück bis in die jungsteinzeitliche matriachale Kultur, in der Spinnen und weben als magische Kunst galt. Magie tritt auch zutage, wenn die Holle mit ihrem Spinnen und weben die Jahreszeiten entstehen läßt. Ihre Kennzeichen sind Garn und Spindel – das weist sie als alte und mächtige Göttin aus. Daher kommt auch die Szene in vielen Märchen vor.

Holle – eine Schicksalsgöttin ?

Im Verlauf der kulturgeschichtlichen Veränderungsprozesse wurde ihre Gestalt erst keltisiert, dann germanisiert und noch später in feudale Zusammenhänge gestellt. Bis ins 18. / 19. Jahrhundert war ihre Gestalt lebendig, keineswegs als Märchenfigur sondern als mündlich weitergegebener religiöser Glaube von einfachen Leuten – insbesondere Frauen.
Es wurden acht Mysterienfeste – allgemeine Volksfeste – gefeiert. Dabei standen die Geheimnisse oder Mysterien des Lebens im Mittelpunkt : Geburt, Liebe, Tod und Wiedergeburt. Die große Göttin in ihrer dreifachen Gestalt: Jungfrau, Liebesgöttin und weise Alte repräsentiert dies alles in einer Gestalt, was ihre vielfältigen Erschienugsformen und ihre Ambivalenz erklärt.
Der Reichtum und die Symbolik des Jahres – und Lebenskreislaufes findet sich im Mythenschatz der Frau Holle wieder, oft sogar mit genauen Überlieferungen  ihrer Feste. Besonders im Brauchtum der Raunächte hat sich der Aberglaube erhalten. In vielen vorchristlichen Kulturen gab es die Vorstellung, das ein Lebensbaum die Welten – Himmel, Erde, Unterwelt – miteinander verbindet und an seinen Wurzeln die Schicksalsgöttinnen wirken.

Auch der Berg bildet das damalige dreistöckige Weltbild mit den drei Zonen Himmel, Erde, Unterwelt ab. So ist die Holle auf ihrem Berg die Herrin der drei Regionen der Welt :  Sie ist die Wettermacherin, was dem Aspekt der Himmelsgöttin entspricht, sie ist die Fruchtbarkeit schenkende Frau und Mutter des Lebens, die Erdgöttin. Ihr Äußeres spiegelt das Land zu den verschiedenen Jahreszeiten.Sie hütet in der Tiefe, in ihrem Paradies die Seelen, dazu alles Wissen und alle praktischen Künste. Das  ist der Weg der Unterwelt Göttin.

Uralte Magie

Die Gestalt der Holle weist darauf hin und steht dabei in Verbindung mit dem Schicksal. Die Schicksalsfäden werden jeden Tag neu gesponnen. Und die Schicksalsgöttin webt jeden Tag das Schicksal der Menschen aufs Neue. Darum sind ihre Attribute auch Spindel und Spinnrad.
In den Raunächten bekommt man in den Träumen Einblicke in das eigene Lebensgeflecht – so berichtet der bis heute lebendig geblieben Aberglaube. Was man in der ersten Nacht träumte, ging im Januar in der Füllung, der Traum der zweiten Nacht zeigte den Februar und so weiter. Träume spielen eine wichtige Rolle in den Raunächten. Hierzu gibt es nähere Informationen in einem gesonderten Beitrag über die Raunächte. Die Ambivalenz der uralten Gottheit zeigt sich darin, dass sie sowohl das Leben schenken kann in dem sie den Lebensfaden spinnt. Jedoch bemisst sie ihn auch und schneidet ihn letztendlich ab. Das ist der Aspekt einer Gottheit, die nicht nur Leben schenken kann sondern auch das Leben nehmen kann. Das gilt für das Leben in der Natur und Menschen leben gleichermaßen.

Die Geschichten von jungen Mädchen und der Holle sind magische Handlungen. Die Protagonistinnen in den Märchen erlernen praktisch die Künste, welche die tragende Basis der matriachalen Ökonomie und Kultur waren. Sie stellen Erfindungen dieser Epoche da: Hausbau, Gartenbau, Feldanbau besonders Ackerbau mit Getreide. Daran schließt die Kunst des Backens und Kochens an, die neue Formen von Vorratswirtschaft erlaubt – das Brotbackhaus. Eng mit der Kochkunst verknüpft ist die Heilkunst im Sinne des Kochens von Kräutermedizin.
Auch beim Spinnen geht es nicht um Fleiß oder Faulheit, wie es im Sinne der bürgerlichen Hausfrauenmoral hinein interpretiert wurde, sondern es geht um das Erlernen von Magie und dem achtsamen oder unachtsamen Umgang damit. Das hat das ganze Leben bestimmende Auswirkungen zur Folge – das Schicksal. 

Wie Magie verwendet wird, hängt von der Einstellung des Herzens ab. Darum sind es die Mädchen mit reinem Gemüt, die das Glück gewinnen. Holle verwandelt in den Märchen als Lohn immer wieder Abfall in Gold. Gold ist hier nicht als Metall sondern als allgemeines Symbol für Reichtum gemeint.
Mit Reichtum ist in den Überlieferungen nicht die Geldmenge gemeint, sondern der Reichtum des Lebens: Fruchtbarkeit und Glück.
In den Mythen wird auch der Glauben an Naturmagie deutlich: wenn Holle Brot bäckt, flammt der Himmel rot. Wenn sie Suppe kocht, dampft es am Berg. Wenn sie Wäsche wäscht, regnet es oder die Nebelschwaden ziehen durch die Lande. Wenn sie Fäden spinnt, kommt der Altweiber Sommer. Besonders in den Alpen und in Thüringen sind diese Glaubenssätze noch erhalten geblieben.


Aberglaube und Wettermagie

Die heutzutage wohl bekannteste Tätigkeit der Holle ist das Betten schütteln. Wenn sie ihre Betten aufschüttelt, schneit es auf der Erde. Auch damit schafft sie abermals die Jahreszeit. Sie hüllt die Erde in weiß und in dieser Zeit erscheint sie, die selbst ein Abbild der Erde ist als weise Frau. Viele Bräuche in der Vorweihnachtszeit verweisen auf die Göttin und wurden später mühsam christianisiert. Damit ist klar, dass es sich bei diesen Tätigkeiten in den Märchen nicht um Haushaltsarbeiten handelt, sondern um den Volksglauben der Wettermagie.Eine typische Handlung der Frühlingsgöttin ist die Sonne aus dem Himmel wieder hervor zu holen. In der Frühlingszeit pflegt sie ein Bad in den heiligen Gewässern zu nehmen. Das spiegelt sich in den Bräuchen wieder, die mit dem Glauben an eine Muttergöttin verknüpft sind . Nähere Informationen hierzu gibt es im Blog Beitrag der Frühlingstag – und Nachtgleiche.

Eine Gestalt voller Gegensätze

Die Percht … die Holle … ist eine uralte Göttin voller scheinbarer Gegensätze: Manchmal wird sie als wunderschöne Frau in langen weißen Gewändern beschrieben, und dann wieder als hässliche Alte in zerlumpter Kleidung und mit wirrem, zerzaustem Haar dargestellt. Sie wohnt in Bergen, Höhlen, Brunnen, Seen und tiefen Wäldern, wo sie über die toten Seelen wacht.  Viele Orts- und Flurbezeichnungen weisen noch heute darauf hin: wo das helle klare Wasser aus dem dunklen Grund hervor springt, ist der Eingang zu ihrer Unterwelt: in Hellabrunn in München, in Hellbrunn in Salzburg.
Sie kann hilfreich und segensbringend sein – aber auch zerstörerisch ud strafend. Diese Göttin in ihrer dreifachen Gestalt: Jungfrau, Liebesgöttin und weise Alte repräsentiert in all ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, Namen und Persönlichkeitszügen den Reichtum vergangener Kulturen und deren Symbolik im Jahres – und Lebenskreislaufes. Er findet sich im Mythenschatz um die Gestalt der Holle wieder und ist – wie ich finde – hochinteressant und ebenso komplex. Viele christliche Feste erinnern noch heute an die naturverbundenen Feste unserer Vorfahren. Diese Jahreskreisfeste waren einst tief im Volk verwurzelt, so dass die spätere Christianisierung Brauchtum und Rituale nicht einfach auszulöschen vermochte. So die keltischen Feiertage einfach assimiliert. Aus dem Keltentum sind vier Sonnen und vier Mondfeste bekannt. In diesen Festen wurde Mutter Erde im Sommer für die reichliche ernte gedankt und ihr ein Teil zurückgegeben. In der dunklen Jahreszeit begegnete man hier mit Ehrfurcht und dankte den Ahnen.
Zu diesem Kontext folgen im Laufe dieses Jahres verschiedene Blogbeiträge, die uns viel von unserem heutigen Brauchtum offenbaren.

weiterführende Literatur :

Die alte Göttin und ihre Pflanzen. Wolf – Dieter Storl
Enthüllungen über Holle, Percht und das Christkind. Renate Reuther
Göttin Holle. Auf der Suche nach einer alten Göttin. Gardenstone
Die großen Göttinnenmythen Mitteleuropas und der Alpen
Frau Holle – das Feenvolk der Dolomiten – Heide Göttner-Abendroth
Der Kult der drei Jungfrauen – Erni Kutter
Göttin der Gezeiten – Ulla Jannascheck